Push Conference 2025

München, Deutschland

Inhaltsverzeichnis

Dieses Jahr hatte ich das Vergnügen, die push conference in München zu besuchen. Wer die Community kennt, weiß: Es geht hier längst nicht mehr nur um neue Figma-Features oder die perfekte Farbwahl. Die Konferenz hat sich zu einem Seismographen für die Zukunft unserer Branche entwickelt. In diesem Jahr war der Tenor klarer denn je: Design wandelt sich radikal – weg vom reinen „Macher von Produkten“ hin zum „Gestalter von Möglichkeiten“.

Die neue Sprache des Designs

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Ein zentraler Impuls, der sich wie ein roter Faden durch die Talks von Experten wie Jessa Parette und Ray Ho zog, war die Erkenntnis, dass Design-Qualität allein kein Selbstläufer mehr ist. Wir müssen lernen, die Sprache des Business zu sprechen. Design verliert oft nicht deshalb an Rückhalt, weil die Entwürfe schlecht sind, sondern weil wir den Wert nicht in den Kategorien erklären, die für Entscheider zählen: Zeit, Kosten und Risiko.

Dabei geht es nicht nur um harte Zahlen, sondern um „Clout“ – also die Fähigkeit, durch überzeugendes Storytelling Vertrauen zu gewinnen und Unsicherheit zu navigieren. Ray Ho brachte es auf den Punkt: Designer verkaufen heute keine Wireframes mehr, sondern den Glauben an eine Zukunft, die es noch nicht gibt. Wer hier als „Staff Designer“ – wie von Catt Small beleuchtet – agieren will, muss die Brücke zwischen langfristiger Strategie und quartalsweiser Umsetzung schlagen.

Zwischen Strategie und Verantwortung

Doch mit diesem wachsenden Einfluss steigt auch die Verantwortung. Thorsten Jonas und Mark Leiser erinnerten uns eindringlich daran, dass Design-Entscheidungen für rund 80 % der Emissionen eines digitalen Produkts verantwortlich sind. In einer Welt, in der die digitale Infrastruktur massiv Ressourcen verbraucht, ist Nachhaltigkeit kein „Nice-to-have“ mehr, sondern Kern unserer Arbeit.

Hinzu kommt ein immer schärfer werdendes rechtliches Umfeld: Durch Regulierungen wie den EU AI Act oder Gesetze gegen „Dark Patterns“ werden Design-Entscheidungen zunehmend zu Rechtsentscheidungen. Wer heute manipulative Muster nutzt, handelt nicht mehr nur unethisch, sondern illegal. Wir Designer haben damit endlich einen „legalen Schutzschild“, um schädliche Business-Praktiken fundiert abzulehnen.

KI: Effizienz statt bloßer Magie

Natürlich war Künstliche Intelligenz das alles beherrschende Thema. Doch der Hype weicht in diesem Jahr einer nüchternen Professionalisierung. Experten wie Vitaly Friedman und Reem Alwahabi zeigten auf, dass das bloße Label „KI“ oft eher abschreckt als anzieht. Nutzer assoziieren damit heute oft „billig und unzuverlässig“.

Die wahre Revolution findet im Verborgenen statt: Wir bewegen uns weg von statischen Interfaces hin zu „flüssigen“, hyper-personalisierten Oberflächen. Taras Bakusevych erklärte, wie UI-Zonen künftig in Echtzeit auf den Kontext und die Emotionen des Nutzers reagieren. Gleichzeitig bereiten wir uns auf eine Welt vor, in der nicht mehr nur Menschen, sondern KI-Agenten unsere Interfaces bedienen. Das erfordert eine neue Art von UX, die nicht mehr auf Klicks und Verweildauer optimiert ist, sondern auf Parsing-Geschwindigkeit und reibungslose Datenübergabe.

Design für den Moment der Krise

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Ein besonders tiefgreifender Moment war der Talk von Sarika Goel über „Crisis Readiness“. Sie mahnte an, dass wir oft nur für den „Happy Path“ designen – also den Idealfall. Doch was passiert, wenn das System versagt? In Stresssituationen schrumpft die menschliche Wahrnehmung auf einen Tunnelblick. Wenn ein Interface dann gegen jahrzehntelang erlernte Instinkte arbeitet, kann das im schlimmsten Fall Leben kosten. Wahres nutzerzentriertes Design bewährt sich erst am schlechtesten Tag im Leben eines Kunden.

Fazit: Die Zukunft als Weltraum-Expedition

Die push conference hat mich mit der Erkenntnis entlassen, dass wir als Designer anpassungsfähiger denn je sein müssen. Anna Nerz verglich uns treffend mit Chamäleons: Wir müssen lokale kulturelle Kontexte verstehen und unsere Markenwelt flexibel darauf reagieren lassen, ohne den Kern zu verlieren.

Wir verlassen die Ära, in der wir nur Oberflächen gestaltet haben. Wir bauen jetzt Welten, Narrativen und Systeme. Es ist eine extrem spannende, wenn auch herausfordernde Zeit, in der unsere Arbeit weit über den Bildschirm hinaus Wirkung zeigt. Ich freue mich darauf, diese Impulse in meine kommenden Projekte einfließen zu lassen.

Abstecher zu Kuchentratsch

In einer der Pausen bin ich rüber zu Kuchentratsch direkt um die Ecke geschlüpft. Das Konzept ist klasse: Seniorinnen und Senioren backen hier gemeinsam Kuchen, um Einsamkeit im Alter entgegenzuwirken. Ich habe mich einmal quer durch die riesige Vitrine probiert und war echt begeistert. Ein schönes Beispiel dafür, dass ein gutes Konzept nicht nur in Figma, sondern auch im echten Leben (und im Magen) funktioniert.

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